3 Wochen, 2 Reisen, 1 Bilderbuchsommer


Käptn Jan

Wie schon erwähnt, ist der Winter ist die beste Zeit, um vom Sommer zu schreiben, in diesem Fall von der Reise des letzten Jahres auf der Flensburger Förde und in der dänischen Südsee. Wer wie ich normalerweise Literatur von weltumkreisenden Einhandseglern verschlingt, wird über meine mickrigen Geschichtchen nur mitleidig den Kopf schütteln. Aber hey, jeder kann hier gleich wieder aussteigen – da ist der Steg!

Apropos Literatur: Vor ein paar Tagen habe ich mein schon leicht zerlesenes Exemplar vom Einhand-Autor des sehr schönen Segelbuches „Out of Office“, Dirk Mennewisch, mit einer Widmung zurück bekommen. Der schreibt, dass die Ostsee was zum Krabbeln ist und es für mich nun langsam Zeit wird, die ersten richtigen Schritte auf den großen Weltmeeren zu machen. Recht hat er.

Aber ich noch keine Zeit: auch in diesem Jahr wird wieder nur gekrabbelt. Wir werden in Finkenwerder liegen und von dort die nächste Sommertour rund Fünen über Elbe und Nord-Ostsee-Kanal angehen. Und dazwischen die Elbe rauf und runter und auch mal trockenfallen. Ist doch auch schon was.

Zurück zu diesem Sommer. Los ging es mit einer weiteren Premiere in meinem noch kurzem Seglerleben – Fahrtensegeln mit drei Kindern, 7, 12 und 15 Jahre, zusammen auf einem 23-Fuss-Boot. Weia. Nach ein paar Tagen auf der Flensburger Förde und des Problelebens auf dem Boot im Hafen Fahrensodde traute ich mich schließlich, richtig abzulegen. Viel stand auf dem Spiel: Würden wir alle zusammen klarkommen? Würden meine Kinder Lust aufs Segeln kriegen? Würden wir Spaß und gutes Wetter haben? Würden wir bei einem völlig bescheuerten Segelmanöver in die Ostsee fallen und elend ersaufen?

Langballigau

Ich fasse zusammen: Ja, ja, jaaa! und: nein. Wir hatten viel Spaß, segelten ohne Stress und hatten unverschämt gutes Wetter. Die Kids waren eine Wucht, jeder war umgänglich und rücksichtsvoll zu jedem, es wurde gelesen und gespielt und selbst die Abwesenheit von WLAN, Nintendos und Computern tat keinem weh. Gemeinsam machten wir 1a-Segelmanöver und bekamen Lob von allen Seiten, welchen harmonischen und professionellen (ha!) Eindruck unsere kleine Gemeinschaft machte. Und das war nicht mal gespielt! Ich hatte vor allem Angst vor hektischen Anlegemanövern und sonstigen selbstfabrizierten Katastrophen sowie vor klassischen Alleinerzieher-Nervenzusammenbrüchen durch allgemeine Überforderung. Aber nix da: Jede Wende ein Volltreffer, und auch Anlegen wie aus dem Lehrbuch: Fender raus, Leinen gekreuzt über die Dalben, dezent abgebremst und vorne elegant auf den Steg gehüpft.

Im Hafen Sønderborg bekamen wir abends dann live das zu sehen, wovor mir so graute: ein Pärchen mit Kind und einer hübschen Bianca 27 wollte am Steg gegenüber festmachen. Der Skipper in Badehose mauschelte kurz vor der Box noch einmal im Cockpit an den Festmachern rum und gab Gas, ohne nach vorne zu sehen. Der strenge Seitenwind hatte das Boot gedreht und so schoss es mit Karacho und Bugspitze ungebremst in die Nachbarmotoryacht. Schlimmes Geräusch. Am Schlimmsten: etwa 30 Köpfe reckten sich aus den diversen Cockpits und beobachteten (und fotografierten!) den armen Havaristen. Das hätte auch ich sein können. „Seht ihr, Kinder“, sagte ich, „genau davon habe ich immer geträumt …“

Sønderborg

Es war ein Bilderbuchsommer. Im winzigen Familienhafen Dyvig machten wir länger fest, denn hier war es einfach nur schön. Unzählige Kinder wuselten über die Stege, entspannte Eltern chillten auf ihren Booten und abends wurde in der Abendsonne gegrillt und viel gelacht. Mit kostenlosen Mieträdern machten wir in den nächsten Tagen Radtouren nach Nordborg und ins schicke „Danvoss Universe“, wo mein Sohn erst nach gefühlten 5 Stunden mit Hilfe eines Elektroschockers und mehrerer Sicherheitskräfte von der Segway-Bahn geholt werden konnte.

Das Danvoss Universe ist ein physikalischer Elebnispark mit liebevoll und aufwändig gestalteten Mitmach-Maschinen. Man kann echte Bagger bedienen, 5D-Kino schauen oder in einem riesigen wasserumflossenen Kunststoff-Kubus verschiedene Naturgewalten miterleben – inklusive eines haushohen Geysirs! Meine 7jährige Tochter zeigte bei diesem Ausflug, was in ihr steckt: Fast 15 Kilometer hügeliges Fahrradfahren ohne Gangschaltung, dazwischen 5 Stunden im Erlebnispark. Ohne einmal zu Maulen. Baby, you are my hero!

Nach einigen Tagen bekamen die Kinder ihr verdientes Heimweh, und so ging es mit einem langen Schlag zurück von Dyvig nach Flensburg. Abends Festmachen und auspacken, und dann noch zwei Stunden Autobahn nach Hamburg. Wir verließen die Heimat als blasse Landratten und kamen zurück als müde, braungebrannte Helden, die viel zu erzählen hatten. Wir haben unter anderem angeblich einen Wal gesehen (ich nicht) und mindestens 50.000 Quallen. Wegen denen war Baden leider auch nicht drin. Aber irgendwas ist ja immer.

Ende Teil eins. Wollen Sie kurz Pause machen, mit dem Hund raus gehen oder so?

Flensburger Förde

Denn jetzt kam die „richtige“ Reise an die Reihe. Nur mein Freund Jan und ich, ohne Rücksicht auf Kinder oder andere Verluste. Jan ist früher Speedboote in Spanien gefahren, hatte aber mit Segeln noch nie etwas am Hut. Er ist einer von den Leuten, die mit einer Nagelfeile und einem Stück Küchenrolle einen Dieselmotor zusammenbauen können und auch sonst alles heilemachen, alles wissen, alles können. Es war also nur eine Frage der Zeit, wann er auch meinen letzten Wissensvorsprung kassieren würde, nämlich ein Segelboot zu bedienen. Jan aber gab mir das schöne Gefühl, mir zu vertrauen und mimte mir zuliebe den staunenden, lernwilligen Hilfsmatrosen und Smutje. Und er lernte schnell.

Høruphavn

Los ging es am 12. Juli, von Flensburg Fahrensodde nach Høruphavn östlich von Sønderborg. Die Sonne brannte und bei 4 Windstärken raumschots kamen wir gut voran. Ich wusste von der ersten Reise, dass selbst wir mit unseren 80cm Tiefgang nach 16 Uhr in den Häfen nur noch wenig Aussicht auf einen Liegeplatz hatten und so begann (wie noch mehrere Male auf dieser Reise) kurz vor dem Hafen der Run mit anderen Yachten auf die letzten Gastplätze. Høruphavn ist eigentlich ganz nett, der Ort hat seinen Supermarkt und eine Imbissbude und mehr brauchten und wollten wir auch nicht. Ganz besonderes Lob verdient die an sich sehr unscheinbare und auch nicht blitzblanke Hafendusche, denn noch nie habe ich einen solchen Schwall herrlich-wohltemperiertes Wasser auf den Kopf bekommen. Wohlig grunzend schmiss ich eine Münze nach der anderen ein. Fast wäre ich ertrunken.

Jan an DeckAm nächste Tag war Flaute und damit Aufräum-, Abhäng- und Basteltag. Getreu unseres neuen Mottos „Ausprobieren – optimieren!“ nahmen wir uns das gesamte Boot unter Jans fachkundigen Allround-Handwerker-Augen vor und fanden noch so einiges, was man besser justieren, einräumen oder umbauen konnte. An diesem Tag lernten wir auch Hajo und seine „Salino“ kennen – ebenfalls eine Leisure 23, aber eine mit Windsteueranlage und sichtbar vielen Seemeilen Ostseeerfahrung hinter dem Kiel. Hajo kam eigentlich nur vorbei, um mal kurz nach dem Wetterbericht zu kucken und sich dann einen Ankerplatz draußen in der Bucht zu suchen. Für ihn war Hafenliegen unromantisch und rausgeworfenes Geld. Leider konnten wir ihn nicht zum Bleiben überreden, ich ihn hätte gerne noch eine Weile über seine Leisure ausgefragt (auf der Rückfahrt haben wir ihn noch einmal in der Förde gesehen, ankernd natürlich).

Auf dem Kleinen Belt

Der nächste Tag brachte ordentlich Wind. Den brauchten wir auch, denn unser heutiger Schlag sollte uns von Høruphavn über den Kleinen Belt bis nach Lyø führen. Die genaue Länge habe ich gerade nicht parat, aber wir brauchten bei etwa 5 Windstärken aus Nordost etwa 8 Stunden. Es ging kurz unter Motor auf den kleinen Belt und dann hoch am Wind nach Norden. Die Wellen kamen von der Seite. Interessante, aber ungemütliche Konstellation – so noch nicht erlebt. Langsam kam so etwas wie prickelnde Aufregung auf. Wellen! Meer! Schaumkronen! Das Rigg heulte. Die Idee, das Großfall ins Cockpit zu verlegen, kam mir, als ich bei der Schaukelei an Deck das Großsegel setzen wollte. Wie würde das wohl bei größeren Wellen werden? Eine Weile überlegte ich mir dann, das ich ja vielleicht seekrank werden könnte, aber da war nichts. Ich merkte aber, dass ich mit der Zeit Muskelkater im Bauch vom pausenlosen Ausgleichen der Schiffsbewegungen bekam.

Lyø ist winzig, der Hafen erst Recht. Und als wir kamen, war er natürlich voll. Wir gingen vor dem Hafen in der Bucht vor Anker, lernten aber zuvor noch, das sich unser Echolot zumindest auf algigem Grund nicht sehr gut auskennt. Hajo hatte uns geraten, mit dem Boot einfach bis dicht unter Land zu gehen und unseren geringen Tiefgang ausnutzen. Leider setzten wir auf Grund, obwohl der Echolot noch 1,40 Meter auswies. Bevor ich eine gute Ausrede parat hatte, beschloss Jan freiwillig, auszusteigen und uns wieder ins tiefe Wasser zu schieben. Du Bester! Danach suchten wir eine andere Stelle, warfen den Anker und machten was zu Essen.

In der Bucht von Lyø

Als wir nach dem Essen wieder an Deck kamen, staunten wir nicht schlecht, als die drei Yachten neben uns alle plötzlich weit vor uns waren – und das Festland verdammt dicht hinter uns! Der Anker hatte nicht gehalten, also rein damit und nochmal weiter nach vorn. Die Bucht wurde voller und voller – sie lag auch nicht wirklich im Lee der Insel und hatte einen ordentlichen Schwell. Als dann auch noch die ersten Nachbarn ihre Stereoanlagen aufdrehten, entschieden wir, hier nicht zu bleiben. Wir wollten stattdessen auf der Westseite von Lyø ankern, auch wenn wir da direkt am offenen Kleinen Belt liegen würden.

Vor Lyø

Eine Stunde später – Jan schoß vom Dingi unterwegs noch schöne Aufnahmen von Haihappen unter Passatsegeln – lagen wir westlich von Lyø vor Anker. Achtern sorgte eine Vogelkollonie für maritime Akustik, vor uns fiel die Sonne mit einem orangen Plumps in den kleinen Belt. Als Ankerlicht zogen wir meine Campinglaterne unter die Saling. Ob das so legal war? Ein schneller, sehr kurzer 20cm-Schwell von der Seite liess das Boot ordentlich schaukeln, und die Strömung hielt uns in dieser Position fest. Als die Schlafenszeit gekommen war, wurde mir von der starken Wackelei etwas kodderig – mir fehlte der beruhigende Horizont. Zum Glück gibt es dafür das gute „Superpep“-Reisekaugummi: kaum im Mund, war die Übelkeit gegessen. Die Nacht wurde schaukelig schön, und ich begann, meine Bugkoje zu lieben. Morgen würde es weiter nach Faaborg gehen.

Anfahrt nach Faaborg

Faaborg ist ein hübsches, typisch dänisches Kleinod mit vielen alten Häusern und einer schmucken kleinen Innenstadt. Jan und ich sind nicht von der Touristenfraktion. Wir nehmen jeden Ort, wie er kommt, aber wir gehören nicht zu den Leuten, die historische Kirchen besichtigen oder sich von ersten urkundlichen Erwähnungen und anderem Tüdelüt beeindrucken lassen. Wichtiger war uns eher, ob der kleine Ort eine Strandmuschel vorhielt, aus der wir uns einen Sonnenschutz fürs Cockpit basteln konnten (Nein). Wir fanden aber ein hübsches Café und genossen ein üppiges spätes Frühstück.

Auf der Route Faaborg-Dyvig

Nach zwei Tagen in Faaborg ging es ostwärts auf den kleinen Belt mit dem Ziel Dyvig. Es sollte das gemütlichste Stück unseres Törns werden: friedliche zwei bis drei Beaufort füllten die als Butterfly gesetzten Segel und der geliebte Pinnenpilot übernahm für die nächsten 4 Stunden das Kommando. Nichts tun. Blauer Himmel. Leise rauschende See. Kaffee, Haribos, Nickerchen. Seelenfrieden. Am Nachmittag überholte uns eine 12m-Yacht unter Spinnaker dermaßen dicht, dass unsere Segel zusammenfielen. Mehr als zwei Meter Abstand können es nicht gewesen sein. Ich glaube, dem dicken Skipper hat das Auftrieb gegeben. Seine Crew schwieg betreten.

Der Begriff „Segelsportler“ trifft auf uns irgendwie nicht zu: Gefräßig und bräsig lungerten wir auf den Cockpitbänken und tippten ab und zu auf dem Autopiloten herum. Abnehmen kann man so nicht, aber schön braun wird man. Jeden Abend tat mir der Hintern weh und besonders an diesem Tag waren wir froh, endlich in der Bucht von Dyvig einzulaufen. Hier spielten wir unseren geringen Tiefgang aus und bekamen einen Platz am Kindertisch, direkt am Steganfang. Irgendwie ist es in Dyvig ohne Kinder ganz anders. Man bekommt weniger Kontakt und ist ergo mehr für sich. So dauern die Tage viel länger… Der Zufall sorgte dafür, dass am gleichen Steg vier Boote weiter mein Nachbar aus Buchholz lag, der obendrein auch noch mit Jan befreundet ist, was ich nicht wusste. Sachen gibts …

Skipper, kochend vor Freude

Langsam neigte sich unsere Tour dem Ende zu. Bis auf ein bisschen Nervenkitzel beim Durchqueren eines riesigen Regattafeldes auf der Flensburger Förde gab es keine weiteren Zwischenfälle. Wir stellten an der Kreuz fest, dass es dringend Zeit für ein neues Großsegel würde, denn mit dem alten Kartoffelsack kamen wir am Wind so gut wie überhaupt nicht mehr vom Fleck. Jan entdeckte seine Begeisterung für die maritime Fotografie (die inzwischen zu einem eigenen Projekt gewachsen ist: www.yachtfoto.net).

Tja, und das war es dann auch mit dem Ostseesommer 2013. Das Fazit ist schnell gezogen: Das war traumschön! Im nächsten Jahr darf gerne wieder alles so werden. Ein bisschen mehr Wind können wir dann auch noch ab, denn wir werden mit neuem Groß und einer Einleinen-Reffvorrichtung gut gewappnet sein, wenn es mal etwas mehr zur Sache geht.

Danke Kinder, danke Jan, danke Ostsee, Neptun, Aiolos, Holsten! Danke, lieber kleiner, kuscheliger Haihappen. Das Leben ist schön.

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3 Antworten auf 3 Wochen, 2 Reisen, 1 Bilderbuchsommer

  1. Fabian sagt:

    Danke für den Tollen Reisebericht! Ich hoffe jetzt hast du endgültig die Pläne verworfen das Boot zu verkaufen oder? :-)

  2. vight sagt:

    Moin Moin, ich habe gerade heute meine leisure 23 in das Wasser gebracht! Das Boot stand 2 Jahre unter der Plane bevor ich es gekauft habe. Mast steht. Abe ich habe Fragen zum Baum. Hast du einen Riggplan für die L 23?
    Danke für eine Rückmeldung!

    Veit

    • Uwe sagt:

      Hallo Veit,
      leider habe ich keinen Riggplan. Frag aber, vielleicht kann ich helfen. LG Uwe

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